Auf eine Schale Milchkaffee

Seit einem Jahr läuft nun das Projekt #andersarbeiten, das aus Mitteln der Deutschen Fernsehlotterie realisiert wird und sich an Menschen mit chronischen Erkrankungen richtet. Ein Angebot an alle, ganz unabhängig vom eigenen HIV-Status. Wie es dazu kam, welche Schwierigeiten sich durch Corona ergeben haben und wo die Reise hingeht? Zeit für ein Interview mit Annette Biskamp, in einem Café ihrer Wahl. 

CG: Hallo Annette. Wie schön, dass wir uns bei einem Milchkaffee über das Projekt unterhalten können. 

AB: Ich freue mich auch. Vielleicht können wir durch dieses Interview ja noch mehr Menschen für das Projekt begeistern. 

CG: Dann lass uns doch gleich damit starten, wie die Idee von #andersarbeiten entstanden ist und später umgesetzt wurde. 

AB: Wir wollten ein Projekt auf die Beine stellen, das Menschen zum Thema "chronische Erkrankungen" sensibilisiert. Und das mit einem Fokus auf die Schwierigkeiten, die diese Diagnose mit sich bringt, aber dessen Herausforderungen für alle anderen nicht gleich erkennbar sind. 

CG: Das musst Du etwas genauer erklären. 

AB: Naja, nehmen wir einen Menschen, der mit HIV lebt. Da ist "das HIV an sich"  gar nicht das medizinische Problem. Menschen unter einer funktionierenden Therapie haben kaum Einschränkungen. Da geht es dann eher um die aus der neuen Situation entstehende Depression, oder die Frage "wem sag ich`s jetzt", verbunden mit der Angst vor Ausgrenzung. Es sind also die  Herausforderungen, die Mensch nicht sieht. Wir bezeichnen das als "invisible challenges". Also, nicht-sichtbare Herausforderungen. 

CG: Aber das Projekt #andersarbeite richtet sich doch gezielt auch an Menschen ohne HIV. 

AB: Absolut ! Der eigene HIV-Status ist bei diesem Projekt völlig irrelevant. Viele Lösungen auf Fragen sind doch unabhängig von der jeweiligen chronischen Erkrankung. "Soll ich einen Schwerbehindertenausweis beantragen?" "Wem erzähle ich von meiner Depression?" "Ich habe niemanden, der so tickt wie ich. Gibt es auch für mich eine Ansprechpartner*in ? Oder eine Selbsthilfegruppe?" "Wie bereite ich mein (Arbeits-)Umfeld auf mein "ComingOut" meiner chronischen Erkrankung vor? Nehmen die mich danach noch Ernst?" 

CG: Aidshilfe kann jetzt also plötzlich alle chronischen Krankheiten? 

AB: Nee, natürlich sind wir nicht die Expert*innen auf allen Ebenen. Aber wie eben beschrieben, gibt es viele Gemeinsamkeiten. Und vor allem können wir auf 40 Jahre Erfahrungen im Netzwerken, Empowern und der persönlichen Beratung zurückgreifen, um zu sensibilieren und parteilich für Menschen einzutreten. Und wenn wir selbst keine Antworten haben, dann finden wir eine passende Einrichtung, die die Antworten geben kann. 

CG: Und läuft? Bei solchen Projekten kommt doch sicher immer etwas anders als Mensch denkt...

AB: Selber schon Projektanträge geschrieben, was?! Na, klar war es so. Corona und all die Maßnahmen haben uns ganz schön ein Bein gestellt. Wir hatten von Anfang an tolle Veranstaltungen, die wir in Präsenz  (Anm.: Fatigue) oder auch per Zoom (Anm.: Depressionen) angeboten haben. Allerdings wurden sie nicht gut angenommen. Wir haben auch Telefonhotlines eingerichtet, zu denen Arbeitnehmer*innen und auch Arbeitgebende in der Mittagspause anrufen konnten. 

CG: Also ist Corona schuld, dass #andersarbeiten noch ruckelt? 

AB: Als große Überschrift, ja. Das Thema der "invisible challenges" ist absolut wichtig, das sehen wir an den Kontakten und sehr vielen Gesprächen der Vergangenheit. Aber es ist eine bunte Mischung aus Corona, einer Zoom / Hotlinemüdigkeit und dem "Aids" in unserem Namen. Wir werden nicht immer als die Expertin auf anderen Ebenen gesehen, die wir thematisch seit vielen Jahren eben auch sind.

CG: Das ist richtig. Dabei machen wir schon immer eine vielfältige und sehr breit aufgestellte Präventions- und Communityarbeit. 

AB: Was auch schwieriger war als gedacht, war die Zusammenarbeit mit Kooperationspartner*innen und Einrichtungen, die wir gewinnen wollten. Und daher ziehen wir jetzt das Fazit und sagen: Es ist Zeit für #andersarbeiten 2.0 !

CG: Neuaufstellung nach einem Jahr? Unangenehm? Überschätzt? 

AB: Überhaupt nicht ! Nada ! So ein tolles Projekt gibt immer auch die Möglichkeit...nein, setzt voraus, dass die Strategien immer wieder abgeklopft und Lernprozesse auch berücksichtigt werden. 

CG: Und was bedeutet das jetzt #andersarbeiten 2.0 ?

AB: Das Team im Projekt ist sich einig, dass wir zu "klassisch" gedacht haben. Wir erkennen aber, dass wir Zielgruppen nicht in unser Haus und schwer vor den Laptop für längere Veranstaltungen bekommen. Daher konzentrieren wir uns ab sofort darauf, uns als Multiplikatorin von Botschaften zu verstehen. Wir bleiben selbstverständlich persönlich ansprechbar und werden weiterhin Veranstaltungen anbieten, gehen aber mit unseren Infos viral. Wir sensibilisieren mit Posts und Stories, arbeiten mit den Reichweiten der User*innen, produzieren eigene Clips und werben für mehr Verständnis bei chronischen Erkrankungen. Wir sensibilisieren online für "invisible Challenges" und bieten unsere Expertise dazu auch analog an.

CG: Annette goes SocialMedia ! #nice

AB: Ja, oder ?! Ich find`s gut, dass wir mit diesem Projekt die Möglichkeit haben, alle Wege zu gehen, Fehler zu machen und aus dem Tun heraus zu erkennen, wie es noch besser geht. Ich freu mich darauf, mit Dir, den Kolleg*innen, Einrichtungen und Privataktivist*innen viral über "invisible Challenges" zu sprechen. 

CG: Annette, ich danke Dir sehr für das Gespräch. Und für ALLE, die jetzt irgendwie Lust bekommen haben, ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten mit in das Projekt #andersarbeiten einzubauen und uns im Netz zu unterstützen andersarbeiten@aidshilfe-hamburg.de